Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

The Open – wo dem Spiel der Boden bereitet wurde …

Der Wind ist eigentlich immer im Spiel. Das Wasser als Kulisse sowieso. Oft auch als Niederschlag. Auf dem spröden Sandboden springen die Bälle Trampolin zwischen Ginster und Rispengräsern. Flach schlagen ist ein Muss, hoch gewinnen vor allem eine Frage der Witterung. „Links golf“, sagt der britische Autor David Worley, „is real golf.“ Das muss man nicht übersetzen.

Es ist Open-Championship-Woche. Die weltbesten Professionals und ihre Entourage gastieren auf dem Boden, auf dem das Spiel entstand; spielen Golf, wie es ursprünglich gemeint war. Im Ausland hat sich auch The British Open eingebürgert: Das älteste Golfturnier der Welt, im Kalender das dritte der insgesamt vier Majors eines Jahres, das einzige davon in Europa – und bei den Golfpuristen das Turnier schlechthin. Weil Linkskurse für sie eh die einzig wahren Golfplätze sind.

The Claret Jug: Als Open-Siegertrophäe die begehrteste Kanne der Welt.

Seit 1860 wird The Open Championship gespielt, zuerst nur in Schottland, ab 1894 auch auf englischem Boden, immer mit dem Finaltag am dritten Juli-Sonntag. Heuer zum 141. Mal. Neun Plätze alternieren mittlerweile als Gastgeber der Open. Klangvolle, legendäre Namen allesamt. Diesmal ist Royal Lytham & St Annes dran auf dieser sogenannten Rota. Ein beschauliches Fleckchen in Lancashire an der englischen Westküste, das ab morgen via TV in schätzungsweise 150 Millionen Haushalten zu sehen ist. Erst seit 1926 dabei – damals gewann der große Bobby Jones – und bislang zehn Mal Austragungsort, ist es so ein bisschen das Mauerblümchen zwischen den ganzen Berühmtheiten. Und irgendwie auch das hässliche Entlein. Gespickt mit 206 Bunkern, eingekesselt von roten Backsteinhäusern, die den Blick auf die See versperren, aber nicht verhindern, dass dem Spieler vor allem auf der zweiten Hälfte permanent der Wind ins Gesicht bläst, zieht sich der Kurs entlang der Eisenbahnlinie mitten durch den Ort.

„Ein seltsamer Platz, einer zum Haareraufen, der niemanden ungeschoren davonkommen lässt“, sagt Tony Jacklin, der hier 1969 das Rennen um den begehrten Claret Jug machte und damit zum englischen Volkshelden avancierte. „Aber er hat alles, was Du Dir bei einem Golfplatz wünschst: Absolutes Linksgolf von Anfang bis Ende.“

„Links“, definiert das Oxford Dictionary, „ist flacher oder gewellter Sandboden an der Küste, bewachsen mit Rasen oder grobem Gras.“ Links, so wird vermutet, stammt vom altenglischen hlinc, gleich unfruchtbar, dürr. Linksland war nutzloses Land, damals in Schottland. „Barren land“, wie es im Englischen heißt, die Verbindung (link) zwischen der See und den Humusböden, zwischen Wellenschlag und Stadtmauer. Kaninchenland. Von Wind und salzigem Wasser heimgesucht. Allenfalls karge Weide für anspruchslose Schafe. Irgendwann droschen gelangweilte Schäfer mit dem gekrümmten Ende ihres Hirtenstabs Steine in Karnickellöcher.

Wer hat’s erfunden?

Folgt man dieser Version der Legende, ist das 800 Jahre her. Mindestens. Golf begann als Zeitvertreib in der Einöde. Behaupten die Schotten. Den Niederländern zum Trotz, die reklamieren: Am Anfang war das Kolfen! Auch die Franzosen wollen’s erfunden haben – Chole. Jüngst hat man in Schweden ein frühzeitliches und Schlägerblatt-ähnliches Stück Metall ausgegraben, woraufhin schon das Umschreiben der Sportgeschichte geunkt wurde. Der Spiele mit Schlägern und Bällen gab es freilich schon zu Urzeiten viele, selbst die frühen Chinesen und die altvorderen Ägypter trieben Kugeln mit Hölzern durch die Gegend.

Fakt ist, dass dem Spiel in seiner heutigen Form in Schottland der Boden bereitet wurde, im Wortsinn und übertragen. Spätestens seit 1744, als die Gentlemen Golfers of Leigh ein verbindliches Regelwerk definierten und aufschrieben. Sie und ihre Nachfolger haben das Fundament gelegt: Regeln bestimmt, Flächen hergerichtet, Wettbewerbe ausgetragen, Golf zu dem Spiel gemacht, das es heute ist. Nachweislich gegolft haben die Schotten freilich schon 300 Jahre früher. So hingebungsvoll, dass König James II. um die Wehrhaftigkeit seiner männlichen Untertanen bangte, Bogenschießen anordnete und „Golf“ verbot. Buchstäblich, womit der entsprechende Parlamentsbeschluss von 1457 das erste schriftliche Golf-Dokument darstellt. Und diese Mär von der Genesis auf den Links vor trutzigen Küstenkäffern wie St. Andrews oder Muirfield ist nicht nur zu schön, um gänzlich unwahr zu sein: Sie erklärt auch die Platzierung der ersten Spielstätten. Hier entstand Golf, wie wir es kennen.

Die Linksgolfplätze, die es in die Moderne geschafft haben, sind „ein Erbe, das bewahrt und erhalten werden muss, denn es verkörpert die Geschichte dieses Spiels“, schreibt David Worley in seinem Augenweide-Bildband „Journey Through the Links“. 150 bis 160 „echte“ gibt es noch, die meisten davon auf den Britischen Inseln. Grandiose, ruhmreiche Spielplätze, hunderte von Jahren alt. Dazu weltweit gut zwei Keg (alte englische Maßeinheit) an „Frischlingen“, 100 bis 120 vielleicht, wunderschöne Anlagen, deren erfolgreiche Zukunft im Reiz der Vergangenheit liegt. Sie alle sind gesuchte Raritäten, Kleinode samt und sonders – auch wegen des Naturschutzes und der strengen Auflagen –, die gemeinsam kaum ein Prozent der geschätzten 30.000 Golfplätze auf dem Globus ausmachen. Aber „die klassischen Linkskurse“, konstatiert der kanadische Golf-Journalist Lorne Rubenstein, „sind das Beste, was dieses Spiel zu bieten hat.“

Royal Lytham & St. Annes: Bühne für die 141. Open Championship.

Nicht gemeint ist all der gestalterische Unfug, dem Linkselemente aufgepfropft wurden, obwohl sie an diesem Ort nie und nimmer zum originären Landschaftsbild gehören. Es sind ebensolche Absurditäten wie die Begrifflichkeit, die ihretwegen kreiert wurde: Inland Links, ein Widerspruch in sich, so wie es bei Pferden keine schwarzen Schimmel gibt. Plagiate, die allenfalls im Linksstil gebaut sind und mit enormem Aufwand und oftmals grotesken Ergebnissen vortäuschen, was die Natur mit splendider Leichtigkeit in die DNA der True Links eingebracht hat.

Linksland liegt IMMER am offenen Wasser, an der See, an großen und kleinen Buchten. Bretthart im Sommer, durch den Sandboden bestens entwässert in Niederschlagsphasen. Bewachsen mit Strandhafer und Schwingelgras, Heidekraut und Ginster. Linksland kann küstentypischen Baumbestand, muss aber keine Dünen haben. Linksland braucht keine Wasserbeigaben, seine Flora hat ihre Widerstandskraft schon lange vor Dünger und Pestiziden bewiesen.

Die Linksgolfplätze sind wie das Land, das sie trägt. Urwüchsig, ungekünstelt, spröde. Naturbelassen. Die elastischen und unmanikürten Böden lassen Bälle verspringen, kleine und tiefe Topfbunker lassen sie verschwinden. Fairways und Grüns sind hart und schnell, die Schläger wollen gefühlvoll gehandhabt sein. Ein wohldosierter bump and run ist besser als jeder noch so weite hohe Ball. Kunstfertigkeit siegt über Schlagstärke. Oder wie es der Australier Peter Thomson formulierte, der die Open zwischen 1954 und 1965 fünf Mal gewann: „Für mich war der Bounce [Aufprall] neben Länge und Richtung immer die dritte Dimension beim Golf. Es ist schade, dass die meisten Golfplätze den Einfluss dieses Elements ausschalten und Golf damit zu so was wie Bogenschießen oder Dart machen. Golf wird erst auf harten Kursen wirklich schwierig und anspruchsvoll.“

Linksgolf ist Golf in seiner puren Form. Mal sehen, was die Cracks jetzt in Royal Lytham & St Annes diesbezüglich zustande bringen.

PS aus aktuellem Anlass:

An den ersten beiden Tagen der 141. Open Championship bewies sich das „hässliche Entlein“ Royal Lytham & St Annes nicht unbedingt als wahrer Linkskurs. Gut, in den 206 Pottbunkern hatten die Open-Protagonisten das eine oder andere, manchmal nur über Umwege oder mit mehreren Versuchen lösbare, Problem. Aber das war’s fürs Erste auch schon mit komplettem Linksgolf. Der übliche Wind fiel bislang vornehmlich durch Abwesenheit auf – als Spielfaktor und auch als Rasen-„Fön“ nach den Regenfällen im Vorfeld und in der Nacht zum zweiten Turniertag. So blieben den Spielern auf dem weichen Geläuf die gefürchteten „bad bounces“ ebenso erspart wie diffizile Putts auf bretthart eingetrockneten Grüns. US-Profi Brandt Snedeker, mit Zehn unter Par Spitzenreiter am Ende des zweiten Tages, befand, es handele sich eher um „golf american style“, Schönwettergolf halt. Und TV-Co-Kommentator Tony Jacklin raufte sich wieder mal die Haare: „Wann werden wir hier endlich richtiges Linksgolf erleben?“

PPS zum Abschluss:

Was für ein Finale der 141. Open Championship! Am Ende eines hinreißend dramatischen Schlusstages war es Ernie Els, den nicht viele auf der Rechnung hatten, der im Royal Lytham & St Annes Golf Club den berühmten Claret Jug in Händen hielt. Der Altmeister aus Südafrika brachte als einziger des Top-Quintetts eine Runde unter Par ins Clubhaus, die er auf dem 18. Grün mit einem Birdie zum Gesamtergebnis von -7 krönte.

Ernie Els, Open-Champion 2012, mit dem Claret Jug: Vierter Major-Titel.

Die eigentlichen Titelaspiranten hingegen schossen sich am traditionellen dritten Juli-Sonntag auf dem diesmal durchaus windigen Linkskurs mit mannigfachen Bunkerabstechern und etlichen Bogeys immer mehr ins Aus – allen voran Adam Scott. Der Australier, mit -10 und einem Vorsprung von vier Schlägen auf die Verfolger gestartet, demontierte ab Loch 15 seine Hoffnungen auf den größten Karriereerfolg ausgerechnet an dem Ort, aus dem seine Großeltern stammen. Auf der Schlussbahn schließlich, bei -7 wenigstens noch gleichauf mit dem zehn Jahre älteren Els, hielt der 32-jährige dem Druck erneut nicht stand. Scott drosch seinen Abschlag in einen der Fairwaybunker, musste quer herausspielen, ließ einen beachtlichen Schuss aufs Grün folgen, aber brachte erst den zweiten Putt zum Par unter und verpasste damit ein Play off gegen Els. Das vierte Bogey hintereinander, -6, ein Schlag zuviel.

Während Scott konsterniert und verkniffenen Gesichts mit seinen Nerven haderte, nahm „The Big Easy“ Els auf dem Übungsgrün am Clubhaus, wo er sich das Warten auf ein mögliches Stechen mit Telefonaten vertrieb, die ersten Gratulationen zu seinem insgesamt vierten Major– und zweiten Open-Erfolg nach 2002 entgegen. Den dritten Platz teilten sich die US-Amerikaner Tiger Woods, der bei einem Sieg wieder Weltranglistenerster geworden wäre, und Brandt Snedeker.

Links Beauties, An- und Einsichten 

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Aber Rückschlüsse auf die Präferenzen des Autors sind naheliegend. Zur Aktivierung der Galerie bitte eines der Bilder anklicken.

Credits u. a.: http://www.facebook.com/pages/Golf-Club-Atlas/194273623936460
 
The Open Championship im Internet
 
 
Advertisements