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Zum Wert guter Schuhe – ein Plädoyer …

Vermutlich ist Großvater schuld. Andere Rentner pusseln in den Petunien, Opa August putzte Schuhe. Leidenschaftlich. Pingelig. Hingebungsvoll. Vaters Vater, ein Lulatsch vom Typ Eiche – wie das so ist, wenn der Schlaks mit den Jahren borkig wird –, war ehedem Offizier beim berittenen Zoll und schon von daher mit blank gewienertem Lederzeugs bestens vertraut.

Er kam nicht oft, weil damals noch DDR war, wo er mit Oma Frieda lebte. Aber wenn er dann da war, hockte dieser lange Kerl am liebsten auf einem winzigen Schemel inmitten eines Sammelsuriums von großen und kleinen Schuhen und erzählte. Von seinem Rotschimmel Notung. Von der Plantage, die er später verwaltet hat. Von Äpfeln, Kirschen, Birnen. Und von seinem Großvater, der Fischmeister beim Grafen gewesen war. Nebenbei verpasste er dem beileibe nicht ungepflegten Schuhwerk der Familie seinen ganz besonderen Schliff. Mit Geduld und Spucke – und Händen, denen man bei der Arbeit gern zusah. Die mit Schuhbürstchen und Cremetiegeln an seinen Pflegebefohlenen ebenso geschickt hantierten wie sie wohl ungebärdige Rösser an die Kandare nehmen konnten und jetzt Enkeln liebevoll durchs Haar strichen.

Opa August legte den Grundstein. Er entfachte beim Enkel den Sinn für die Ästhetik und den Wert guter Schuhe. Sie haben Charakter. Sind etwas Besonderes. Schön. Erhaltenswert.

Jahre drauf folgte die väterliche Instruktion, dass ein gestandener Mann unbedingt ordentliche Schuhe tragen müsse. Nebst einer vernünftigen Uhr, aber das ist eine andere Geschichte. Eine verwaschene Jeans habe nichts Ehrenrühriges, auch ein ausgebeulter Räuberpullover oder eine speckige Lederjacke nicht. Doch nichts sei schlimmer an der Garderobe eines Mannes (einer Frau übrigens auch) als schiefgetretene, durchgelatschte, ausgezehrte Schlappen.

Noch etwas gab es mit auf den Weg zum Erwachsenwerden: „Wir sind zu arm, um uns etwas Billiges leisten zu können.“ Snobismus? Mitnichten. Im Schuhschrank steht kein Duo klassischer Schnürer oder Penny Loafer, das jünger ist als 15 Jahre. Nicht gerade ein günstiges Vergnügen.

Aber bei landläufigem Verschleißumrechnungskurs wären die Billigen mit der Zeit deutlich teurer zu stehen gekommen. Vier Voraussetzungen allerdings müssen sein, damit das Prinzip funktioniert: ein gefestigter Hang zu gutem Stil, der nicht von jedem Modefirlefanz über den Haufen geworden wird – und Pflege, Pflege, Pflege. So erhält man sich sehr lange die Freude am Schuhwerk. Das ist bei allen hochwertigen Dingen so. Und hat, nebenbei bemerkt, auch etwas mit Respekt vor der Handwerkskunst zu tun.

Gute Schuhe sparen auf Dauer aber nicht bloß Geld. Es ist auch keine Frage allein der Optik. Gute Schuhe sind Wellness für die Füße, die nun mal das Fundament der körperlichen Belastungskette darstellen und an dieser Aufgabe jahrzehntelang schwer zu tragen haben. Sie bieten dem Fuß ein wohl bereitetes Bett, atmen mit ihm, geben ihm Halt. Im Wort- wie im übertragenen Sinn sind gute Schuhe der Garant für sicheres Auftreten.

„Schuhe sind immer dann gut, wenn sie aus bestem Leder sorgfältig und mit einem großen Anteil von Handarbeit gefertigt wurden“, definiert Bernhard Roetzel in seinem klassischen Stilführer Der Gentleman.(1) „Diese Kriterien gelten für alle Schuhe, für Mokassins ebenso wie für rahmengenähte Modelle. Letztere bieten das Maximum an gesundem Tragekomfort, an Formbeständigkeit und Lebensdauer.“

Längst finden sich derartige Exemplare nicht mehr ausschließlich bei Edelschuhmachern wie John Lobb, Alden, Allen Edmonds oder Ludwig Reiter, für deren Preise gelegentlich die Aufnahme eines Kleinkredits notwendig sein könnte. Es gibt hervorragende Leisten, die erschwinglich sind, wenn man nur ein wenig auf sie hinspart, wenn man lieber ein Mal was Vernünftiges kauft, als vier Mal womöglich noch mit Plastik besohlten Tinnef. Freilich: „Ein Blick auf das gängige Schuhwerk der deutschen Männer legt eher den Verdacht nahe, dass gute Schuhe hierzulande als überflüssige Investition gelten“, notierte der „Gentleman“-Autor Roetzel schon Ende der 90er Jahre. Es ist seither nicht besser geworden und einmal mehr keine Frage des Sich-Leisten-Könnens, sondern des Sich-Leisten-Wollens.

Was man kriegt, wenn man will, nämlich Qualitätserzeugnisse aus fabrikmäßiger, aber dennoch handwerklicher Produktion statt in Fernost zusammengeklebten Ramsch, zeigt der folgende Blick in die Manufaktur von SHOEPASSION. Überhaupt machen sie sich dort dankenswerterweise sehr um die Pflege der Schuhkultur verdient:

 

Nun muss man selbst mit den robusten Rahmengenähten nicht unbedingt durch den Hindukusch klettern, wie es Eckhart Nickel im Magazin der Süddeutsche Zeitung unter dem schön formulierten Titel „Auf greisen Sohlen“ erzählt.(2) Aber es stimmt: Ein guter Schuh ist ein treuer Gefährte vom Senkel bis zur Sohle, für alle Lebenswege, im Idealfall ein Erwachsenenleben lang. Wie sein Träger weist auch er mit den Jahren Kerben, Krähenfüße und Narben auf, Spuren der Zeit halt. Doch gepflegte Patina ist keine Schande, nicht im Gesicht und nicht an den Füßen.

1 „Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode“, Bernhard Roetzel, Könemann Verlagsgesellschaft, 1999
2 „Auf greisen Sohlen„, Eckhart Nickel in Süddeutsche Zeitung Magazin
 
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