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Edel-Tourismus ist keine Frage von Jetset-Enklaven …

Wie man weiß, bilden bestimmte Arten von Muscheln nach dem Eindringen von Fremdkörpern, nach Gewebeverletzungen und Zystenwachstum
isolierende Schichten aus Calciumkarbonat. Das Ergebnis heißt irgendwann
Perle und ist vielfach begehrt, im Wesen aber bleibt das Kleinod ein Störenfried in einem fremden Organismus.

Ähnlich verhält es sich mit dem ältesten deutschen Seebad Heiligendamm und seinem gleichnamigen Grand Hotel. Nach nicht mal zehn Jahren steht die 2003 eröffnete Fünf-Sterne-Plus-Anlage für alles Mögliche, nur nicht für entspannte Gastlichkeit und den Charme des maritimen Standorts. Schon gar nicht für Akzeptanz im Umfeld und Integration in die touristischen Alleinstellungsmerkmale der Region.

Stattdessen wurde Heiligendamm zum Synonym für politische Verschwendungssucht und Krawalle beim G-8-Gipfel 2007, für Ausgrenzung der Bevölkerung und für die Geldvernichtung von Fondsteilhabern. Ein Hort der Großmannssucht, der mit Sonderangeboten den Otto-Normal-Touristen in die marmornen Hallen zu locken suchte, wenn sich nicht gerade Bentley-Eigner oder sonstige exaltierte Statussymbolisten in geschlossener Gesellschaft zelebrierten. 2009 kündigte die Kempinski-Gruppe den Hotelbetrieb auf. Seit Ende Februar steht das Haus unter Insolvenzverwaltung, weil die Erlöse nicht zur Abzahlung der goldenen Wasserhähne reichen. Es wird von Monat zu Monat gehofft und ein Investor gesucht, der die Fondsgesellschaft als Besitzer des Nobelhotels auslöst und 300 Arbeitsplätze langfristig sichert.

Dabei hätte sich der Projektentwickler Anno August Jagdfeld nach dem Berliner Hotel Adlon mit dem Grand Hotel Heiligendamm so gern eine zweite Perle in die Krone seiner Fundus-Gruppe gesteckt, als er 1996 den historischen Ortskern des Bad Doberaner Stadtteils kaufte und mit der Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH) fünf Gebäude der „Weißen Stadt am Meer“ restaurierte. Für mehr als 220 Millionen Euro, wird kolportiert: 130 entfallen auf den Immobilienfonds mit seinen 1.800 bis 1.900 Anlegern, 50 auf Fördermittel der öffentlichen Hand. Sieben Millionen soll der umstrittene Jagdfeld selbst investiert haben. Dazu die Bankkredite, die nicht mehr bedient werden können. Zwischenzeitlich sollten die Fonds-Kommanditisten sogar nachschießen, was aber verweigert wurde. Gewinnausschüttungen gab es sowieso keine. Mit Perlen ist das halt so eine Sache.

Ja, Heiligendamm – 1793 vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. gegründet – war ein mondänes Seebad. Der europäische Hochadel kurte, Geistesgrößen wie Wilhelm von Humboldt, Felix Mendelssohn Bartholdy und Rainer Maria Rilke badeten. Damals. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber Heiligendamm heute ist nicht St. Tropez. Nicht Monaco oder einer der sonstigen globalen Hotspots, wo sich die Reichen und selbsternannten Schönen ihre Stelldicheins geben. Und Mecklenburg-Vorpommerns Ostseegefilde sind nicht die Cote d’Azur oder die Costa Smeralda. Es gibt keinen Platz für Palazzi Protzi und Bling-Bling. Schon gar nicht vertragen sich Luxustourismus und Öffentlichkeit auf so engem Raum. Bereits der Dichter Hermann Löns wusste: „In Zukunft wird es nicht mehr das Hauptanliegen sein, an jeden Ort der Erde zu reisen. Das Hauptinteresse wird sein, ob es sich lohnt, dort anzukommen.“ Ein Grand Hotel Heiligendamm’scher Gigantomanie passt schlichtweg nicht in die Landschaft. Es ist ein Fremdkörper.

Egal, was sich die erhitzten Gemüter im Spannungsfeld zwischen Jagdfeld, Stadt und Bürgerschaft seit Jahren an den Kopf werfen: Dieses Missverständnis, dieser Webfehler im Konzept, ist das eigentliche Drama.

Jagdfeld wollte ein Refugium und schuf einen Anachronismus. Er wollte eine mega-exklusive Oase und erhielt ein Ghetto. Wie man so was besser macht, demonstriert der Städtebauer und Destinationen-Schöpfer Orascom Development Holding AG („Creating living communities“) im ägyptischen El Gouna oder im schweizerischen Andermatt. Das Rezept ist eigentlich simpel, wenngleich nicht automatisch problemfrei. Man nehme: etliche Hundert Hektar Wüste im Nirgendwo fernab jeden kommunalen Gestaltungswillens oder einen verwaisten Flecken Gebirgslandschaft am Rande eines sterbenden Dorfes – und mindestens eine Milliarde Dollar …

In Bad Doberan stand Jagdfeld weder das eine noch das andere zur Verfügung. Seine Vision der Renaissance von Heiligendamms Glanz und Gloria und sein Beitrag zur Erhaltung eines einzigartigen Gebäudeensembles in allen Ehren. Aber er pfropfte einem nach Dornröschenschlaf und DDR-Muff um sein Selbstverständnis ringenden Gemeinwesen ein Wolkenkuckucksheim auf, das sich für die notwendige Expansion zum Resort und zur Erweiterung seines Angebots auch noch aus sich selbst nähren sollte. Was gründlich misslang. „Die Gäste gehen hier abends, wenn sie teuer essen gehen wollen, an der Baustelle vorbei, an den schon lange nicht mehr gepflegten Villen“, verriet Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum neulich dem NDR.

„Heiligendamm war von Anfang an eine Totgeburt, weil es total isoliert am Ende der Welt liegt“, urteilte Kempinski-Vorstandschef Reto Wittwer 2009 vernichtend. „Da kommt unsere Klientel überhaupt nicht hin.“ Offenkundig hat er recht. Menschen, die Luxus und Prestige buchen, wollen Ihresgleichen begucken und von Ihresgleichen beguckt werden. Nicht von Touris mit Radklammern am Hosenschlag und Spaziergängern in Trekking-Sandalen, die vormals übers Hotelgelände latschten und jetzt durch die mittlerweile errichteten Gitter gaffen. Und sie wollen das Image splendider Locations. Mecklenburg-Vorpommern bietet sehr viel, nur keinen Glamour. „Das Problem ist, dass das Hotel von Anfang an nicht ausgelastet war, nie Gewinn gemacht hat“, resümiert der Insolvenzverwalter. „Man hat zu hohe Erwartungen an die Besucherfrequenz gehabt. Und seit 2003 hat man es nicht geschafft, diese Erwartungen auch nur annähernd zu realisieren.“ Der Webfehler im Konzept, in der Positionierung des Hotels, zog hässliche Laufmaschen.

Nun ist es aber nicht so, dass sich am Schicksal des Grand Hotel Heiligendamm das Wohl und Wehe des Fünf-Sterne-Tourismus in ganz Mecklenburg-Vorpommern entscheidet. Wer das unkt, begeht einen Kategorienfehler. Edel-Tourismus ist keine Frage von abgeschotteten Jetset-Enklaven. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) schreibt nicht zwingend kühle Trutzbauten mit seelenlosem Marmor und goldenen Wasserhähnen als Kriterium für die Vergabe von fünf Sternen vor.

Mecklenburg-Vorpommern ist das Land der Backsteingotik und Bäderarchitektur, der Schlösser und Gutshäuser, der See und der Seen sowieso. Es lebt von seinen Landschaften, von seiner Ursprünglichkeit, von seinen Pittoresken. Die feinen Adressen schmeicheln mit stilvoller Gediegenheit und malerischer Historie, vor allem aber mit Liebreiz und Gastfreundschaft. In solchem Umfeld fußt exquisiter Tourismus auf anderen Werten: auf persönlicher Gastgeberschaft in angemessenem Rahmen. Doch es muss nicht immer Kaviar sein. Weniger ist meist mehr. Snobistischer Prunk ist den Denkmälern vorbehalten.

Es gibt Herbergen im sonnenreichsten Bundesland, die das beweisen; die nicht mit stilisierter Opulenz Schaulustige anlocken und dennoch Eleganz und Exzellenz bieten. Häuser wie der Ahlbecker Hof auf Usedom oder Burg Schlitz in Hohen Demzin: einladend statt abweisend, behaglich statt elitär, hochwertig statt aufwändig. Refugien, die vor allem eines haben: Charakter.

Übrigens, Perlen sind nicht zwingend rund, glatt und glänzend. Es gibt auch   unregelmäßige, abstrakte, seltsam geformte. Der Fachmann nennt sie Barockperlen. Schon gar nicht passen Perlen, solche individuellen zumal, per se in jede Krone und an jedes Dekolleté. Es kommt immer darauf an, wer was wo draus macht.

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