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Zur Rolle der Piraten in der Urheberrechtsdebatte …

Da soll doch der Klabautermann dreinfahren: Die Piraten entern die Landtage, und mit dem politischen Erfolg wird nebst allerlei anderen diffusen Ideologien am medialen Flaggenmast auch das destruktive und defätistische Verhältnis der Partei zum geistigen Eigentum gehisst. Alle Mann klar zum Gefecht um das von jeher konfliktreiche Dreiecksverhältnis zwischen den Schöpfern, den Verwertern und den Nutzern! Nerds als Urheber der aktuellen Urheberrechtsdiskussion. Was mit der kaum verstandenen Debatte um ACTA begann, lässt nun die Wellen mächtig schwappen.

Als erster kam der Autor und Musiker Sven Regener in Fahrt, als er im Bayerischen Rundfunk auf das Thema angesprochen wurde. „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert […] Es ist eine Frage des Respekts und des Anstands. So wie es eine Frage des Respekts und des Anstands ist, nichts im Supermarkt zu klauen – selbst dann, wenn man wüsste, dass man nicht erwischt wird“, wetterte der Frontmann der Indie-Rockband Element of Crimes und fokussierte seinen mehr als fünfminütigen Zornesausbruch schlussendlich auf die Piraten: „Das ist ein reines Banausentum, und es geht immer nur gegen die Künstler.“(1)

Die Urheberrechte sind etwas ganz Wertvolles, Kostbares. Sie sind das Brot der Seele – das muss man genauso zahlen wie das Brot für den Bauch.

André Heller

In Regeners Kielwasser formiert sich seither die Armada der Kreativen. 51 Drehbuchautoren beklagen die falsch geführte Debatte. Über 6.000 Kulturschaffende von A wie (Mario) Adorf bis Z wie (Feridun) Zaimoglu signieren im Internet den Protestaufruf „Wir sind die Urheber“.(2) Die Intelligenzia feuert Breitseiten, die Feuilletonjournaille leistet Flankenschutz:

ZEIT Online notiert die Wiederkehr der These vom „Tod des Autors“, nach der ein Urheber in Wirklichkeit bloß ein winziger Knoten im Flechtwerk von Texten, Zeichen und Diskursen sei. „Die Theorie ist wieder sehr lebendig, und die Piraten haben an ihrer Wiederkehr kräftig mitgewirkt […] Es geht um Leben und Sterben des Urhebers in der digitalen Welt“, schreibt Thomas Assheuer und zitiert das Parteiprogramm: „Weil ein Künstler in seinem Werk auf den ,öffentlichen Schatz an Schöpfungen‘ zurückgreife, sei sein Werk bloß eine ,Rückführung‘ vorgefundener Symbole in den öffentlichen Raum.“(3)

In der FAZ stellt Jürgen Kaube dankenswerterweise fest, dass die Urheberrechtsfrage weniger eine nach ihrer Existenz als eine nach ihrem Niveau sei: „Das Urheberrecht […] ermöglicht auch die Spezialisierung und Professionalisierung der Produzenten. Insofern geht es nicht um Künstler und Autoren überhaupt, sondern um hauptberuflich hergestellte Werke, Texte, Objekte.“ Die „Euphoriker des freien Zugangs zu allem“ würden nicht einsehen, dass das Verfassen von Romanen, das Schreiben von Sachbüchern oder das Komponieren von Musik eine Spezialisierung darstelle, „die unmöglich wird, wenn sie niemand mehr bezahlt“.(4)

Tja, und derweil hacken die Geister, die man beschwor, aka Anonymous, die „Urheber“-Webseite, giften gegen die Protagonisten und stellen Adressen und Telefonnummern prominenter Unterzeichner bloß. Das wiederum ruft die Verlage auf den Plan, die von „Pogromstimmung gegen Künstler“ (Helge Malchow/Kiepenheuer & Witsch) sprechen und rechtliche Schritte zum Schutz ihrer Autoren ankündigen. Was ein unausgegorenes Programm und dahergequasselte Positionen von salonfähig gewordenen Freibeutern doch alles anrichten können …

Diese Widersinnigkeit resümiert Wolfgang Michal im Autorenblog Carta. „Einerseits erkennen sie die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihren Werken ,in vollem Umfang´ an, andererseits wollen sie das freie nicht-kommerzielle Kopieren von Werken im Sinne eines unbeschränkten Nutzerrechtes gesetzlich verankert wissen“, schreibt der Kollege unter dem Titel „Zankapfel Urheberrecht“(5): „Wie diese konträren Positionen unter einen Hut zu bringen sind, wissen die Piraten allerdings noch nicht.“

Unbenommen aller intellektuellen und soziologischen Ursachenforschungen, Bedeutungsbegründungen und Wirkerklärungen: Der Wählerfrust über die politische Nomenklatur hat eine Schwarm-„Intelligenz“ populär gemacht, die dem Deus ex Machina als Entität des Geistes huldigt und die mit ihrer Richtungssuche kokettiert. Bei derart verquaster Haltung darf es nicht wundern, dass Individualität, dass der eigene Kopf nichts mehr wert ist. Freibeuter halt, legitimiert nicht durch den Kaperbrief des Königs, sondern durch das Plazet des Bürgers. Oder wie es der Publizist Michael Jürgs formuliert: „Die Piraten haben keine Ahnung, der Wähler hat auch keine Ahnung – da wächst zusammen, was zusammen gehört.“

Möglicherweise bringen sie wirklich Stimmung in die politische Landschaft, möglicherweise ist es eine Bereicherung des Politbetriebs, wenn Fragen gestellt werden statt Allwissenheit zu heucheln. Erstmal und bis auf weiteres ernten die Netzwerkaktivisten lediglich auf dem verwahrlosten Acker des Politikverdrusses, den die sogenannten Etablierten bereitet haben. Bis zur Vorlage eines realitätsnahen Konzepts, das den eigenen Intellektualitätsanspruch rechtfertigt.

Wenn die Internet-Zöglinge das Urheberrecht über die Planke schicken, stellt das auch ihre Haltung zum grundsätzlichen Anspruch an ein politisches und gesellschaftliches Profil bloß. Zu eigenen Inhalten kaum fähig, bestenfalls zur Kopie – Stichwort flächendeckender Grundlohn – oder zu absurden Forderungen wie dem fahrscheinlosen ÖPNV. Aber vielleicht erklärt gerade „der ungelöste Grundwiderspruch“ (Wolfgang Michal/Carta) zum Urheberrecht die Piraten-Irrlichterei: Wenn alle geistigen Erscheinungsformen und Zustandsbereiche eh nur als Wiederholung oder Abwandlung von bereits Gedachtem, Geschriebenem, Komponiertem, Geschaffenem angesehen werden, warum sollen dann ausgerechnet die Propagandisten des Zeitgeists 2.0 sich der Mühsal geistiger Wertschöpfung unterziehen.

Der Wind weht aus Richtung Copy & Paste. Das Plagiat ist von der Kommandobrücke fränkischer Baronien auf dem Mannschaftsdeck angekommen.

Da nutzt es wenig, wenn Oberpiraten wie die vormalige Geschäftsführerin Marina Weisband oder Torge Schmidt aus Schleswig-Holstein – in die Enge getrieben ausgerechnet von Kuscheltalker Markus Lanz – über eine Positionsänderung nachzudenken versprechen bzw. sich in die Forderung nach neuen Abgeltungssystemen (Schmidt: „Ich würde ja bezahlen, wenn ich könnte“) flüchten. Anschließend nämlich bricht aus dem eigenen Lager das Donnerwetter, ach nein, heutzutage heißt das ja Shitstorm, über sie herein. Christopher Lauer, innen- und kulturpolitischer Sprecher der Berliner Piratenfraktion, liefert die Begründung, wenn er erklärt: „Die Suche nach einem den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts angepassten Urheberrecht ist Gründungskern und Mythos der Piratenpartei.“ Er wedelt aber auch mit der Parlamentärflagge: „Die Wut und Angst von Urhebern ist für mich angesichts des Unverständnisses, das Kulturschaffenden teilweise im Internet entgegengebracht wird, verständlich.“(6) Und der Affekt der Seinen ist ihm vermutlich sicher.

Ist Inspiration schon Kopie? Ist Entwicklung von Erkenntnis, Überdenken von Gedachtem schon Plagiat? Wie hat sich der von den Piraten gehuldigte „öffentliche Schatz an Schöpfungen“ gefüllt? Oder anders: Schöpften nicht auch die Schöpfer? Wo beginnt die Eigenleistung des Geistes, wo endet das individuelle Schaffen? Nope, Käpt’n Hook, es gibt intelligentes Leben in der Abyss aus Apps, Download-Portalen und Filesharing. Es gibt im einstigen Land der Dichter und Denker noch kluge Köpfe jenseits von Bits und Bytes, deren Laptop kein verbrämter Kopierer ist. Die das weltweite Netz nutzen wie altvordere Schöngeister die Bibliothek. Die fein säuberlich benennen – Ehrensache! –, wer Anteil an ihrer Gedankenschöpfung und Meinungsfindung hat. Die Quellen und Bezüge penibel listen und so für eine geistige und intellektuelle Gemeinschaft einstehen. Und die von ihrer gesellschaftlich bereichernden Kunstfertigkeit leben müssen.

Aber wie soll ein Avatar ohne Werte-Programmierung das erkennen …

Sven Regener bei Erich Renz in Zündfunk/Bayerischer Rundfunk
2 „Wir sind die Urheber„, Künstler und Autoren gegen den Diebstahl geistigen Eigentums
3 „Tod des Autors„, Thomas Assheuer in Zeit Online
4 „Denn sie wissen nicht, wie Werke entstehen„, Wolfgang Kaube in FAZ.NET
5 „Zankapfel Urheberrecht: Der ungelöste Grundwiderspruch der Piraten„, Wolfgang Michal in Carta
6 „Ein notwendiger Protest„, Christopher Lauer in FAZ.NET 
• Außerdem zum Thema
Schluss mit dem Hass„, Frank Schirrmacher in FAZ.NET 
 
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