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Allerlei vom Masters …

Bis in alle Ewigkeit werden Experten und Laien, Profis wie Amateure wahrscheinlich debattieren, welches der vier Golf-Majorturniere denn nun das bedeutendste, das anspruchsvollste, das schwierigste, das mit dem größten Renommee für den Sieger ist. Wenigstens dem 33-jährigen Gerry „Bubba“ Watson aus Bagdad im US-Bundesstaat Florida dürfte die Entscheidung nicht schwer fallen: Am Ostersonntag hat der Linkshänder seinen Kleiderschrank um ein „Green Jacket“ erweitert, was ihn nunmehr als Angehörigen des exklusiven Zirkels der Masters-Sieger ausweist. Ansonsten aber werden die Antworten wohl je nach kontinentalem Patriotismus und golferischem Gusto ausfallen.

Fama satt haben sämtliche „Majors“. Es kommt eine Menge zusammen in all den Austragungsjahren: Das Masters Tournament in Augusta (US-Bundesstaat Georgia) gibt es seit 1934, die US Open mit ihren bis an den Rand der Unspielbarkeit getrimmten Traditionskursen seit 1895, The Open Championship, alternierend auf den legendärsten Linkskursen Großbritanniens, sogar seit 1860, die PGA Championship, ebenfalls auf unterschiedlichen Plätzen, seit 1916.

Den Jahresauftakt macht bekanntlich das Masters. In punkto Rituale, Pittoresken und Skurrilitäten gebührt ihm wohl unangefochten der Spitzenplatz – bestens dazu angetan, dem Außenstehenden Golf als eine Vergnüglichkeit verschrobener, exaltierter, abgehobener Zeitgenossen zu bestätigen. Kapitelweise Text gäbe allein das „Gewese“ um den Platz her, der das ganze Jahr über mit spärlicher Bespielung für das Hochamt im April geschont wird, auf dem mittels Farbe die Grüns noch grüner und die Gewässer noch blauer gemacht werden, dessen verschwenderischer Blütenpracht man notfalls per Heißluftgebläse zur pünktlichen Entfaltung verhilft.

Reichlich Gesprächsstoff liefert auch die rigide Mitgliedspolitik, die den Gastgebern alle Jahre wieder Schlagzeilen der unliebsamen Art einbringt. Zwar sind selbst am Augusta National Golf Club die Zeitläufte nicht wirkungslos vorübergegangen, seit Mitgründer und Bobby-Jones-Partner Clifford Roberts den Seinen ins Stammbuch schrieb: „Solange ich lebe, sind die Mitglieder weiß und die Caddies schwarz“. Aber trotz der exponierten Position als „Major“-Bühne leistet man sich bis heute den Status eines reinen Herren-Privatklubs. Was schon Feministinnen vor den Toren der Anlage Sturm laufen ließ und sich in diesem Jahr als ziemliches Dilemma entpuppte. Quasi automatisch wird nämlich den jeweiligen Vorstandsvorsitzenden der drei Masters-Hauptsponsoren, namhafte Konzerne allesamt, die Mitgliedschaft angetragen. Keine Frage, guter Ton!

Nur: Der aktuelle CEO von IBM ist eine Dame, Virginia Rometty … Nicht zu verwechseln, nebenbei bemerkt, mit dem Obama-Kontrahenten Mitt Romney, wenngleich angesichts der Gesamtattitüde zu vermuten steht, dass Augustas (weitgehend geheimgehaltene) Mitglieder ihren Club auch als Hort republikanischen Gedankenguts schätzen. Jedenfalls beeilte sich der Vorsitzende William Payne in Sachen Rometty indigniert zu konstatieren: „Dies betrifft das Thema Mitgliedschaft, und ich werde darauf nicht antworten. Erstens sprechen wir nicht über unsere internen Angelegenheiten. Zweitens tun wir dies erst recht nicht, wenn ein konkreter Name Teil der Diskussion ist.“

Das passt ins Bild. Hauptsache, es bleibt gewahrt. Wie bei den Caddies. Welch misslicher Umstand für die Herrenriege von Augusta National, dass die Profis ihre eigenen mitbringen und sich dabei nicht an die Pigmentierungs-Empfehlung von Mr. Roberts halten. Undenkbar aber, dass Caddies möglicherweise nicht als besondere Spezies identifizierbar wären. Also verpasst der Club ihnen ausgesprochen kleidsame weiße Overalls als Überzieher. In denen sehen sie dann aus wie die Tatortreiniger, während sie – egal bei welchen Wärmegraden – den Job an der Tasche ihres Profis verrichten (… dass Caddies sehr viel mehr sind, als bloß Gepäckträger und Schlägerputzer, versteht sich für Golf-Wissende von selbst).

Der Identifikation einer besonderen Spezies verdankt auch das „Green Jacket“, wohl berühmtestes Kleidungsstück des Sports, sein Dasein. 1937 schon kam der Club auf die damals – wegen des dicken Wollstoffs – wenig populäre Idee, seine Vasallen in grüne Sakkos zu gewanden, auf dass sie während der Turniertage für auskunftheischende Zuschauer direkt als Mitglieder erkenn- und ansprechbar seien. Als Siegertrophäe nebst Goldmedaille und Replika des Clubhauses in Silber – lebenslanges Startrecht in Augusta inklusive – wird der Dreiknopf-Einreiher in „Masters Green“ seit 1947 verliehen. Der große kleine Sam Snead durfte sich damals als erster Professional in Grün feiern lassen.

Das Material, aus dem dieser Golfer-Traum gemacht wird, ist längst leichter geworden, am Ritual ums „Green Jacket“ indes hat sich nichts geändert. Zwei Mal am Final-Sonntag hilft der Vorjahresgewinner (bei Titelverteidigung der Clubvorsitzende) dem neuen Masters-Sieger ins begehrte Stöffchen: Zuerst bei einer kleinen Ehrung in Butler’s Cabin, einem der Gästezimmer auf der Anlage, dann vor großem Publikum auf dem 18. Grün. Ein Jahr lang darf Bubba Watson jetzt das „Green Jacket“ daheim aufhängen und bei all dem Rummel tragen, der um ihn gemacht wird. Im kommenden April muss er es wieder mitbringen: Als Zeichen der Zugehörigkeit zum Masters-Club der Sieger, um im Sakko seinem Nachfolger zu assistieren und, nicht zuletzt, um darin dem Championsdinner vorzusitzen.

Neudeutsch-Anhänger nennen so etwas wohl „Get Together“ oder „Meet and Greet“. Ben Hogan schlug es 1952 vor, seither trifft sich der Zirkel der Sieger immer dienstags in der Masters-Woche auf Einladung des amtierenden Champions. Der darf präsidieren und die Zeche bezahlen, dafür immerhin bestimmen, was beim Dinner der Gewinner auf den Tisch kommt. Es liegt nahe, dass sich der Gastgeber für seine Leibspeisen entscheidet: Tiger Woods ließ anlässlich seines ersten Sieges 1997 im Jahr darauf Cheeseburger, Hühnchen und Milchshakes servieren. Oder für die Küche seines Heimatlandes, wie Bernhard Langer, der zwei Mal in Augusta gewann, und dann 1986 den Hauptgang Sauerbraten bzw. 1994 als Dessert Schwarzwälder Kirschtorte kredenzte.

Erwähnt werden muss das Menü von Sandy Lyle beim Championsdinner 1989. Der Schotte ließ das Nationalgericht Haggis zubereiten, zusammengekocht aus Innereien, entstanden aus der Schlachtreste-Verwertung. Der Autor bittet um freundliche Würdigung des Umstands, dass er rücksichtsvoll auf Details zur Rezeptur verzichtet. Jedenfalls wird der eine oder andere von Lyles Gästen heilfroh gewesen sein, dass es der Tafelrunde im Geschmackszweifel frei steht, à la Carte aus dem Clubhaus-Restaurant zu bestellen.

Was Bubba Watson nächstes Jahr unter dem Krähennest, jenem Türmchen auf dem Clubhaus, das den eingeladenen Amateur-Cracks während der Masters-Woche als kostenfreie Jugendherberge angeboten wird, fürs Championsdinner anrichten lässt, steht natürlich noch nicht fest. Aber der Champion selbst passt bestens in die Augusta-Pittoresken. Dass er mit sechs erstmals einen Golfschläger in der Hand hatte, ein abgesägtes 9-er Eisen, ist noch nichts Besonderes. Sehr wohl aber, dass er seit der damaligen Anfangsunterweisung durch den Vater nicht eine einzige Unterrichts- oder Trainerstunde hatte. Wo andere Profis Unsummen an Zeit und Geld für die Arbeit mit irgendeinem Schwung-Guru aufwenden, lässt der „Natural born“-Golfer Watson die Bälle einfach fliegen – länger als die gesamte Konkurrenz und im Bedarfsfall auch in eigentlich unmöglichen Flugkurven. Als gewaltiger „Longhitter“ und genialer „Shotmaker“ führt er jede Menge Statistiken der US-Profi-Tour an, dank eines Zauberschlags aus dem Wald aufs Grün gewann Watson nun ausgerechnet das Masters. Sein erstes „Major“. Im Stechen. 2010 – beim Playoff um die PGA Championship gegen Martin Kaymer – war er daran noch gescheitert.

Das „Green Jacket“ übrigens verbleibt ab nächstem Jahr in einem der persönlichen Spinde, die sich die Champions teilen. Nur noch während der Turnierwoche darf Watson es fürderhin tragen.

Alles passt ins Bild.

Nachtrag: Weil’s mehr ein unmöglicher denn ein Zauberschlag war, nachfolgend Flugbahn und Rollweg von Bubba Watsons „Siegerschlag“ im Stechen um das Masters 2012 gegen Louis Oosthuizen (Südafrika) aus der Vogelperspektive. Watsons Caddie Ted Scott hat die Kurve auf einer Luftaufnahme nachgezeichnet und dann per Twitter in alle Golfwelt versandt. Es war der zweite Schlag auf dem zweiten Extraloch, nachdem Watson seinen Drive in den Wald gehauen hatte. Mit zwei Putts war das Par gegenüber Oosthuizens Eagle perfekt – und damit der Triumph.

Fotos: 1. AP Photo | Darron Cummings, 2. und 3. Augusta National, 4. Ted Scott via Twitter