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Zur „Kakophonie der Talkrunden“ …

Aus gegebenem Anlass ist der politische Kabarettist Georg Schramm zu zitieren, jüngst mit dem deutschen Kleinkunstpreis-Ehrenpreis und mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet. In seinem aktuellen Programm (1) zürnt der wortmächtige Hesse gegen all die Fernseh-Talkrunden und ihre Moderatoren, gegen diese „öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten“ mit ihren „Klofrauen und -männern“, in denen Menschen, die keine verständlichen Antworten gäben oder erst gar nichts zu sagen hätten und denen darob eigentlich das Mikro abgestellt gehöre, ihre undichten Sprechblasen entleeren“ dürften. „Und wenn nach Verrichten der intellektuellen Notdurft noch ‚was nachtröpfelt“, wettert Schramm, „können sie sich in der Woche drauf [in wieder anderen Talksendungen] an der Pissrinne unters Volk mischen“.

Was zu beweisen war, möchte man nach überstandenem Tort einiger der jüngsten TV-Machwerke herausschnauben. Eine „Kakophonie der vor allem im Ersten nicht endenden Talkrunden,“ nennt es Michael Hanfeld in der FAZ, „die längst ihr eigenes Paralleluniversum bilden.“

Da bringt dann die Talkshow des Günther Jauch am Abend der Saarland-Wahl mit ihrem verabredeten CDU-SPD-Kuhhandel und dem ersten vom Wähler amtlich eingedübelten FDP-Sargnagel nichts weniger fertig, als die von allen medialen Köchen längst zum Einheitsbrei verrührte Burn-out-Diskussion zwecks Wiederkäuung hochzurülpsen. Eine journalistische Bankrotterklärung, die (sic!) keiner zusätzlichen Geißelung bedarf.

Oder das sinnentleerte und platte Schwadronieren bei Anne Will, die am 21. März mit einem Fußballthema reüssierte und dabei die ziemlich dümmliche und auch noch mit einem groben Grammatikfehler ausgestattete Frage stellte: „Geld oder Leidenschaft – wer regiert die Fußball-Welt?“ Welch‘ Bigotterie, dass eine Sendung, die pekuniären  Opportunismus zur Diskussion stellen soll, bloß deswegen so thematisiert wurde, um für das schwächelnde Format ein paar der erwartbar hohen Zuschauerzahlen des vorangegangenen, im Ersten live aufgeführten Pokal-Knüllers Gladbach vs. Bayern abzugreifen. Oder anders: Quote oder Qualität – WAS regiert den Will-Kosmos?

Einzig der Diskutant Toni „Torwart“ Schumacher ist herauszunehmen, resümierte er doch in erfrischend offener Rede die Qualität des Abends: „Wenn Sie die Beste sein wollen, dann müssen Sie was investieren. Sie können nicht die ganze Woche herum sitzen und dann schütteln Sie die Sendung aus dem Ärmel. Das geht nicht.“ Stimmt!

Aber Jauchs verfehltes Thema und Wills Abseitsposition sind nur das „Rahmenprogramm“ für den aktuell negativen Höhepunkt der öffentlich-rechtlichen Pissrinnen-Causa. Diese fragwürdige Ehre gebührt Sandra Maischberger, die sich am 20. März im Verein mit ihrer Redaktion nicht entblödete, einem gewissen Dr. h.c. Carsten Maschmeyer die Bühne zu bereiten. Ginge es nur um Kritik an einer Werbeplattform für dessen Machwerk zwischen Buchdeckeln, sind wir des Stirnrunzelns längst müssig. Stefan Raab übrigens kennzeichnet seinen Talk dankenswerterweise wenigstens als „Dauerwerbesendung“.

Nein, wir regen uns vielmehr über die Einladung eines Studiogasts auf, um dessen Leumund es wegen des Vorwurfs der unlauteren Geschäftspraktiken in zig und aber-zig Fällen, unbotmäßig kommerzieller Nähe zu politischen Entscheidungsträgern und so weiter, und so fort wahrlich nicht zum Besten bestellt ist. So einer erhielt – gottlob erst zu später Stunde, ab 22.45 Uhr – als Hauptdarsteller in „Die Welt der Reichen und Schönen: Kein Platz für Verlierer?“ (Maischbergers Sendungstitel) ein öffentlich-rechtliches Auditorum und durfte ausgiebig sein Menschenbild plakatieren, kleptokratische Attitüden progagieren und sich als ungelobtes Kind gerieren. Was für ein klebriges TV-Ereignis in den „gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten“ – hier nochmals Georg Schramm –, „die ihr Geld kriegen, weil in der Verfassung ein Auftrag für politische Bildung und Aufklärung formuliert worden ist“.

Wenigstens sprach tags drauf (einmal mehr) Christoph Lütgert Klartext, der als Chefreporter des NDR mit seinen Reportagen 2011 den Scheinwerfer auf Maschmeyer und dessen Unternehmungen gerichtet hatte, und nun „Die programmierte Blamage“ (2) für den Spiegel kommentierte: „Der Finanzjongleur [Maschmeyer] ist vielleicht erfolgreicher als wir alle dachten. Er hat die Koordinaten so weit verschoben, dass ihm nicht nur die traditionell ergebene ‚Bild‘-Zeitung und die ‚Bunte‘, sondern nun auch wieder das öffentlich-rechtliche Fernsehen ihre Reverenz erweisen.“

Bevor der Verfasser dieser Zeilen sich anschickte, das von Maschmeyer-Maischberger verursachte „Gschmäckle“ umgehend mit Zahnbürste und viel Mundwasser zu eliminieren, überkamen ihn noch ein paar Empfehlungen bezüglich Studiogästen mit speziellem Horizont, dem derzeitigen Talkshow-Unwesen angepasst. Kim „Dot.com“ Schmitz vielleicht zum Wert geistigen Eigentums. Klaus Volkert, der früher mal Betriebsrat bei VW war, über die Wichtigkeit von Bildungsurlaub. Oder Herr Döring von der FDP, Demokratie und Tyrannei …

1 „Meister Jodas Ende“ (Auszug „Sprache der Politik„), Georg Schramm
„Die programmierte Blamage“, Christoph Lütgert in Spiegel Online