Schlagwörter

, , , , , , , ,

Joachim Gauck und die Bürde des Heilsbringers …

Das dann doch nicht. Übers Wasser soll er wohl nicht auch noch wandeln können. Oder Fische und Brotlaibe vermehren. Den Lahmen auf die Beine helfen – physisch wenigstens nicht. Im übertragenen Sinne auf jeden Fall! Alle anderen biblischen Wunder, Bergpredigten und Großtaten inklusive. Es spricht für das Selbst- und Pflichtbewusstsein des Bürgers Joachim Gauck, dass er sich nicht weggeduckt hat vor der Bürde des Heilsbringers, des Alleskönners, vor all dem, was ihm aufgepackt wird als Deutschlands elftem Bundespräsidenten.

Was wurde nicht alles gesagt, geschrieben, gemutmaßt, analysiert, gefordert und erwartet rund um die Kür des Mannes aus Rostock zum Staatsoberhaupt eines zwar vereinten, indes längst nicht einigen Landes. Erinnern wir uns an ähnliche Erwartungen, auch Anwürfe, Mutmaßungen, Misstrauigkeiten bei einem seiner Vorgänger? Schlimm genug, dass gerade der Letzte von Beginn an – Islam-Proklamation hin oder her – kaum der Rede wert war.

Apropos Rede. Das macht einen Joachim Gauck heutzutage so einzigartig, so besonders, so wertvoll. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über, sagt der Volksmund. „Ihr werdet nie von Herz zu Herz es schaffen, wenn es euch nicht von Herzen kommt“, sagt Goethe. Wer dem politischen Establishment aufs Maul schaut aber, der hört seit Jahren bloß Worthülsen, Phrasendreschereien, Stereotypen, rhetorisches Mäandern. Politsprech eben.

Der nunmehr erste Bürger Gauck aber spricht nicht, der Mensch Gauck redet! Mitreißend und auf ganz hohem Niveau. Mit einem Pathos, das sich durch inhaltliche Substanz rechtfertigt. Reflektiert und gebildet, charismatisch und klug. Ein Menschenfischer und Sprachverführer. Glaubhaft authentisch, emphatisch wirksam. Das fügt sich zu einer Aura der Instanz. Und es ist das Sehnen nach Instanz, das den neuen Bundespräsidenten so erhöht: Das Sehnen nach Anstand und Werten in unseren seltsamen Zeiten, in denen nicht mehr viele Anständige auftauchen (dürfen) und zu viele Werte abhanden gekommen sind.

Gauck soll Messias sein. Vermittler. Versöhner. Mahner. Aufrüttler. Deswegen habe die Parteien ihn gekürt. Weil unter dem Deckmäntelchen von Altruismus und politischer Redlichkeit im Eitelkeiten-Jahrmarkt der Parteienkonkurrenz mit ihm zu punkten ist. Aus politischer Räson. Weil er den Job liefern soll, den sie verludern lassen: den des Volksvertreters im Wortsinn, der „sich nicht damit abfindet, wenn das Hohelied der Demokratie korrumpiert wird durch Konsum, Karriere und Ratlosigkeit.“ (1) Gauck stellt sich diesen Erwartungen biblischen Ausmaßes – wohlwissend, dass er nicht alle erreichen kann, die er erreichen soll; nicht alle, die von ihm erreicht werden wollen.

Der Mensch sehnt sich – bewusst oder unbewusst – nach Instanz. Nach Glaubwürdigkeit, Integrität, Richtung und Strahlkraft. Das gebar immer schon falsche Propheten und nur selten rechtschaffene Apostel. Die mit Arroganz und Knute selbsternannte allererste Instanz taugt eh kaum noch, nachdem sich zu viele Soutanen als härene Gewänder schwarzer Schafe herausstellten. Auch die Heroisierung des fränkischen Barons ließe sich so erklären. Es war die Hinwendung der Instanzsuchenden zum Vertreter einer Kaste, der per se Werte, Kontinuität, Rückgrat und Führungsstärke attestiert werden. Letztlich entpuppte sich der solchermaßen Stilisierte als selbstgefällige Kopie der in der klassischen Verfassungslehre immerhin noch als Herrschaft der Besten definierten Aristokratie.

Nun also Gauck. Ja, sie zeihen ihn der Eitelkeit. Zurecht vermutlich. Nennen wir es das Selbstbewusstsein des freien und feinen Geistes, das menschliche Element, den menschlichen Makel. Fernab des „pharisäerhaften Geredes eifernder Kritiker“ (2) sind all die Larmoyanzen um Freiheits-Monothematik, Sozialstaatlichkeits-Ignoranz und die  sonstigen Kolportationen Gauck‘schen Gedankenguts zuvorderst Ausdruck und Ergebnis der Konditionierung auf das rundgebürstete, allen-alles-recht-machen-wollende Einerseits-Andererseits im Polit- und Managersprech. Belegt wird vor allem anderen die Unfähigkeit, breit angelegten Gedankengängen und Diskursen folgen zu können, folgen zu wollen. Es entlarvt sich der Hang zu eindimensionaler Extraktion, zu populistischer Einebnung komplexer Sach- und Dialektikverhalte.

Zehn Prozent waren es damals, im ersten Leben des Joachim Gauck, die als „Wir sind das Volk“ die Zeitläufte änderten. Etwas mehr als zehn Prozent sind es vermutlich, vornehmlich aus dem Osten und mehr noch Identität denn Instanz suchend, die bis heute die Geißelung des Unrechtsstaats DDR durch den Stasi-Aufklärer Gauck als Gesellschafts- und Solidaritätsverunglimpfung missdeuten. Wenn Joachim Gauck auch als Bundespräsident der Demokratielehrer Gauck bleibt, dann kann er Politiklahmen auf die Beine helfen und vielleicht einige der Geldwechsler und Händler vor dem Tempel aufscheuchen. Zehn Prozent wären ein guter Anfang.

1 „Keinen Helden“, Evelyn Finger in Zeit Online
2 „Freiheit als Ermutigung“, Regina Mönch in FAZ.net
 
Creative Commons Lizenzvertrag

Zur Ergänzung:

© Karl-Heinz Schoenfeld, Potsdam, gesehen im Nordkurier, 24. März 2012

 
Advertisements