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Ein Plädoyer wider die Flug-Mango …

Eigentlich kann sie ja nichts dafür, die arme gescholtene Flug-Mango. Rot-gelb-grün. Vitaminreich. Süß. Weit gereist. So wie die Nachbarn in der Auslage: Blaubeeren aus Chile, Bohnen aus Indien, Zuckererbsen aus Guatemala. Über Tausende von Kilometern rangekarrt mit Tonnen von Flugzeug-Kerosin und Lkw-Diesel. Dieser Tage noch pries TV-Vorkoster Johann Lafer die Mango als Beste aller Früchte. Als einer der führenden Protagonisten gehobener Küche sollte der besternte Mann eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen; Dankeschön für diesen ökologischen Bärendienst! Wie kann das gehen: 99 Cent für eine Mango aus Peru? Da stimmt doch was nicht. „Deutschland führt eine kulinarische Existenz am Rande der Schizophrenie,“ schrieb Jakob Strobel y Serra vor knapp einem Jahr in der FAZ über unser Kauf- und Essverhalten. Das stimmt!

Degoutantes Konsumverhalten

Der Mensch ist, was er isst, sagt Rémy, die kochende Ratte aus Pixars Animations-Hingucker Ratatouille. Mag sein, dass der Gastro-Nager keine seriöse Quelle darstellt, aber er steht mit dieser Einschätzung nicht alleine: Wenn wir sind, was wir essen, dann sind wir maßlos und degoutant. Gedankenlos in unserem Konsumverhalten. Prasser.

Wir halten das große Fressen (und Saufen) für eine Segnung unser fortgeschrittenen Gesellschaft. In Wahrheit ist es ein Ausdruck fortschreitender Morbidität. Tagtäglich tischen uns Heerscharen von Fernseh- und Hobbyköchen Allerfeinstes auf und produzieren dabei Massen von Küchenabfällen. Auf allen Kanälen brät, confiert, schmort, sous-vide-gart, brutzelt und dünstet es. Derweil ruinieren wir unsere Gaumen mit Fastfood und Convenience-Fraß, mit Geschmacksverstärktem und sonst wie chemisch Aufgepäppeltem. Das Essen müsste uns im Hals steckenbleiben. Aber nein, es passt zu unser fragwürdigen Ernährungsethik.

Hauptsache billig

Hauptsache Fleisch und Fisch! Zusammengeklebte “Steaks“ aus dem Futtermittel-Labor, Massenware-Hühnchen voller Antibiotika und Stresshormone, Pangasius aus irgendeiner als Aquakultur getarnten Kloake. Egal, Hauptsache billig! Italiener und Spanier verwenden 15 Prozent ihres Konsum-Budgets fürs Essen, die Franzosen immerhin noch 13,4 Prozent. Wir Deutsche bringen es gerade mal auf zehn Prozent.

Na und? 250 Gramm Erdbeeren aus Marokko kosten ja auch bloß 1,49 Euro. Geht doch! Aber wie geht das? Wer zahlt den wirklichen Preis? Der Erzeuger vor Ort, dessen Arbeit nichts wert ist? Wo wird‘s abgebucht? Von dem bisschen Öko-Guthaben, das diese Welt noch hat? Geht‘s noch? Genug des Furors!

Für 50 Prozent der Deutschen, das hat die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt, ist ein möglichst niedriger Preis das einzige Kriterium beim Nahrungsmittel-Einkauf. Die andere Hälfte sind vermutlich diejenigen, die sich laut einer Emnid-Studie bevorzugt für regionale Produkte entscheiden.

Zugegeben, Wir haben uns an Orangen, Zitronen und Co. gewöhnt; mediterrane Erzeugnisse sind von unseren Speiseplänen nicht mehr wegzudenken; das ist wohl auch ok so. Aber muss man deshalb Guatemala direkt als selbstverständliche Bezugsquelle „eingemeinden“? Oder China mit seinem ganzen unter fragwürdigen Bedingungen erzeugten frugalen Krempel. Wir wissen doch, dass woanders das Ernte-Risiko viel zu oft unter einer hochtoxischen Melange aus Kunstdünger und Pestiziden beerdigt wird. Warum also in die Ferne schweifen? Das Gute liegt bekanntlich so nah. Um die Ecke. In der Region.

Erkenntnis und Geschmacksbewusstsein

Wenn es die Saison hergibt, wohlgemerkt. An der Uni Gießen haben sie herausgefunden, dass für die Kühlhaus-Lagerung deutscher Äpfel bis zum nächsten Frühsommer ähnlich viel Energie aufgewandt werden muss wie für den Schiffstransport von Frischware aus südlichen Gefilden. Die Öko-Bilanz hat vermutlich immer irgendwie Schieflage, wenn wir uns winters nicht nur von keimenden Knollen und betagten Wurzeln ernähren wollen.

Es geht ja auch gar nicht darum, alles zu verdammen, was nicht der heimischen Scholle entstammt. Ebenso bleibt unbenommen, dass nicht jeder die finanziellen Mittel, die Bezugsquellen, die Küchentechnik oder die Lagermöglichkeiten hat, um den Discounter-Regalen und -Kühltruhen die kalte Schulter zu zeigen.

Es geht um ein bisschen Einsicht und Erkenntnis. Um Besinnung und Geschmacksbewusstsein. Wie herrlich decken uns hierzulande der Herbst und selbst der Frühwinter noch den Tisch: Quitten, späte Äpfel, Winter-Birnen, Sauerkraut, Steckrüben, Bete, Pastinaken, Topinambur, Schwarzwurzeln, Rosen- und Grünkohl … Damit lässt sich so viel Schmack- und Nahrhaftes zaubern! Nur wollen muss man es. Darum geht es. Um ein wenig mehr Haltung.

Oder anders: Warum können wir nicht bis Mai warten, wenn statt des peruanischen wieder der heimische Spargel auf dem Markt liegt; auf Anfang Juni, wenn die Erdbeeren nicht aus Marokko oder aus dem Brutkasten kommen, sondern vom Erdbeerhof um die Ecke? Alles zu seiner Zeit; es wäre ein guter Anfang.

(Dieser Text erschien auch im Gentleman-Blog)
 

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