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Eine Nachlese zum 39. Ryder Cup …

Sie haben viel gefeiert und wenig geschlafen, wenn überhaupt; dann haben Kapitän José María Olazábal und einige seiner Helden den Ryder Cup wieder heimgebracht nach Europa. Jetzt sind sie allesamt schon auf dem Weg zu den nächsten Turnieren – das Golfer-Leben geht weiter, keine 48 Stunden später. Aber was da passiert ist am Sonntag im Country Club zu Medinah, Großraum Chicago, Bundesstaat Illinois, USA, das klingt nach. Die Wellen schwappen immer noch hoch, die “Team Europe” mit seiner anfangs unvorstellbaren, später unfassbaren Auferstehung in der 39. Auflage des interkontinentalen Ehrenhändels aufgewühlt hat.

Aufgewühlt ist das richtige Wort. Alle sind aufgewühlt. Immer noch. Die Sieger – sowieso himmelhoch jauchzend. Die Geschlagenen – nachvollziehbar zu Tode betrübt. Die Fans hüben wie drüben – in jeweils entsprechendem Maße. Die Medien, die Superlative finden und nach Gründen suchen sollen. Die Buchmacher, die richtig berappen müssen – an die Unentwegten, die doch einen Pfifferling auf Europas Golfprofis gesetzt hatten. Weil die am letzten Tag schier unmögliche achteinhalb von zwölf Partien gewonnen haben. Mehr noch: Weil sie ihr Golf neu erfunden haben, weil sie sich ihrer Stärken entsonnen haben, weil sie ihr Rückgrat durchgedrückt haben – was alles abhanden gekommen schien gegen die Mannschaft von Davis Love III auf deren Terrain, gegen Spieler, die zwei Tage fast nach Belieben dominierten, gegen überpatriotische und krawallige Fans.

Vermutlich hat Olazábal den güldenen Pott, diesen heiligen Golf-Gral, im Flugzeug von Chicago nach London die ganzen acht Stunden in den Armen gewiegt, bevor er ihn wieder in der Vitrine der European Tour in Wentworth ablieferte. Beinahe hätte der Spanier den Ryder Cup in der Neuen Welt lassen müssen, so wie 2008 Nick Faldo, Englands Golf-Ikone, dessen “Kapitänerie” anschließend in der Luft zerrissen wurde. Das blieb “Ollie” zwar erspart, aber: “Es ist die Hölle, es ist eine Qual, und du kannst nichts tun. In der einen Minute denkst du, das war’s, es ist vorbei. Dann schöpfst du wieder Hoffnung, siehst, wir bleiben dran, wir haben eine Chance. Es ist absolut hart,” beschrieb Olazábal hernach sein Gefühlsleben an diesem denkwürdigen Sonntag. “Diese zwölf Burschen haben mich glücklich gemacht!”

Golf-Helden am Flughafen: Der Ryder Cup ist wieder in Europa.

Ganz sicher wird der Mann aus San Sebastian bei seiner Kuscheltour über den Wolken klammheimlich auch an “The Battle of Brookline” gedacht haben, wo die USA 1999 ein nämliches Revival feierten, ebenfalls ein 6:10 noch zum Triumph ummünzten. Aber das war bei einem Heimspiel, und es ging auch ziemlich unfair zu. Es hätte dem US-Ensemble dennoch eine Warnung sein müssen, aber die amerikanische Sicht auf die (Golf-)Welt sieht derlei gemeinhin nicht vor.

Dass dieses Duell noch kippen würde – niemals! Dass die Europäer, die in den Vierern zuvor nicht wirklich was auf die Reihe gekriegt haben, doch noch zur Hochform auflaufen könnten – ausgeschlossen. Dass die USA, in den Einzel-Zweikämpfen am Finalsonntag von je her übermächtig, noch einknicken – undenkbar. Wer als Gast auf amerikanischem Terrain mit 6:10 im Hintertreffen liegt, der hat die Hoffnungslosigkeit als 13. Mann im Team – und braucht sich um den Spott nicht zu sorgen.

Die US-Journaille ging am Sonntag Morgen schon zu Tagesordnung über und wollte aus Medinah allenfalls Vollzug vermelden. Besonders der Sportsender ESPN, der sich einen Spaß daraus machte, etliche ziemlich dämliche Voraussetzungen zu veröffentlichen, unter denen Europa es doch noch schaffen könne. Zum Beispiel, wenn Lee Westwood, Europas unglücklich agierendes Ryder-Cup-“Schlachtross”, für die USA spielen würde. Oder wenn Love III ein paar zwar prominente, aber mit dem Golfschläger weniger effektive Zuschauer wie Michael Jordan, Ex-Präsident George W. Bush oder Phil Mickelsons Ehefrau Amy für die Einzel aufböte: “Nichts für ungut. Es ist vorbei. Es ist Zeit für die Europäer, ihre Privatjets anzulassen.”

ESPN-Großmaul Gene Wojciechowski, der später öffentlich Abbitte leistete, hätte einfach auf Ian Poulter, den hingebungsvollen Ryder-Cupper aus England, hören sollen: “Es ist in der Vergangenheit schon mal passiert. Und warum sollte es nicht noch mal passieren.” Oder er hätte besser die letzte seiner schlauen Prämissen berücksichtigt: “Wenn Team Europe mindestens acht der verbleibenden zwölf Matches gewinnt.” Ach was!

Martin Kaymer: Der Deutsche verwandelte den entscheidenden Putt.

So kam die Arroganz als Bumerang zurück. Und wie! Mitten in die… Egal. Jedenfalls überschlugen sich abends die Schlagzeilen. Es war das “Wunder von Medinah”, ein “historischer Erfolg”, das “größte Comeback der Sportgeschichte” und so weiter, und so fort. Selbst die deutschen Populär-Medien, sonst eher nicht Golf affin, widmeten sich in Wort und sogar Bild dem Umstand, dass Martin Kaymer Ryder-Cup-Geschichte geschrieben hat.

Ja, Martin Kaymer, der seiner Form hinterherlaufende Deutsche, der mal Nummer eins der Welt war und inzwischen auf Platz 32 durchgereicht wurde, der im Medinah Country Club als unsicherster Kantonist der Formation um den Weltranglisten-Ersten Rory McIlroy galt und vor den Einzeln bloß einen Einsatz hatte, den er mit Justin Rose auch noch verlor. Dieser Martin Kaymer schaffte, was Bernhard Langer vor 21 Jahren misslang, als der auf Kiawah Island den entscheidenden Putt vorbeischob. Kaymer gab zu, dass er im Augenblick der endgültigen Entscheidung auf dem 18. Grün, zwei Meter vom Loch entfernt, Triumph oder Tragödie auf dem Putter, daran gedacht habe: “Es kann nicht schon wieder ein Deutscher sein, der so einen Putt verschiebt.” Kapitän Olazábal hatte ihm zwischendurch gesagt: “Martin, wir brauchen Deinen Punkt. Du musst ihn liefern, egal wie!”

Also lieferte Kaymer. Den 14. Punkt für Europa; das Unentschieden, das dem Titelverteidiger stets den Ryder Cup bewahrt. Ausgerechnet er. Der Wackelkandidat, den jedermann im Golf vermutlich daheim gelassen hätte, wenn er nicht noch über die reguläre Wertung mit Ach und Krach ins Team gerutscht wäre. Der vermeintliche Schwachpunkt, der in den Schlussabschnitt der Einzel gesteckt wurde, wo’s nach menschlichem Ermessen auf sein Ergebnis vermutlich nicht ankommen würde. Er ignorierte den Pudding in den Knien, hielt dem Zittern im ganzen Körper stand – und den Putter gerade. “Es gab keine Wahl, ich musste es einfach machen.”

Der Augenblick des Triumphs: Martin Kaymer vor der Kulisse in Medinah.

Hand aufs Herz: Es war kein großes Spiel von Kaymer, dieses Duell mit Steve Stricker, der vor allem ins US-Team geholt worden war, weil er einer der wenigen ist, die mit Tiger Woods einigermaßen harmonieren. Es war eine durchwachsene Partie der Hinterbänkler, 16 Loch lang mit Höhen und Tiefen auf beiden Seiten. An der 17 spielte Kaymer ein ordentliches Par, nichts besonderes in der elektrisierten Atmosphäre eines Ryder Cup, bei dem hüben wie drüben Spieler über sich hinauswachsen. Aber Stricker patzte mit Bogey; Kaymer lag damit vor dem Schlussloch in Führung, musste sie nur noch bewahren. So wurde Match Nummer elf das entscheidende Spiel und Kaymer der Mann des Tages.

Die Initialzündung für das Comeback der Europäer freilich lag woanders. Zwei Tage lang hatten die Amerikaner bei diesem Aufeinandertreffen der nominell besten Teams der Ryder-Cup-Historie ihre Finger am Pokal, stolzierten mit breiter Brust umher und demonstrierten – mit ihren vorlauten Fans im Rücken – scheinbar unerschütterliches Selbstbewusstsein. Schon nach den Trainingsrunden hatte Martin Kaymer gemutmaßt: “Am Ende des Tages geht es darum, die mittellangen und langen Putts zu lochen.” Aber die Titelverteidiger wirkten seltsam starr und unbeteiligt, einander auch nicht zugewandt. Niemand brachte was Rechtes, was Inspirierendes, was Aufrüttelndes zustande. Schlimmer noch: Erfolgsverwöhnte Ryder-Cup-Haudegen wie Luke Donald, Sergio Garcia und Lee Westwood wurden zwischendurch vom US-“Dream-Couple” Phil Mickelson/Keegan Bradley regelrecht abgefertigt. “Wir haben mit schwachem Spiel die Amerikaner erst stark gemacht”, urteilte TV-Experte Colin Montgomerie, Europas erfolgreicher Kapitän von 2010 in Wales.

Es sah wahrhaft bitter aus. Wenn nicht Ian Poulter gewesen wäre. Der ehemalige Pro-Shop-Verkäufer, der mal gesagt hat: “Ich lebe für den Ryder Cup und ich werde meine Punkte liefern, dafür bin ich hier”, blieb schon in den Vierern ungeschlagen und fuhr mit seinem jeweiligen Partner drei der (mageren) sechs europäischen Siege aus den 16 Partien ein. “Bei seiner Einstellung müsste man Ian auf Lebenszeit für den Ryder Cup setzen,” befand Martin Kaymer. In der Tat: Ohne Poulter wäre wirklich schon vorzeitig Schluss gewesen, hätten er und seine Mitstreiter am Sonntag tatsächlich nur die Grüß-Auguste bei der Krönungsmesse der Amerikaner gegeben. Aber Poulter ist halt, wie das britische Blatt The Telegraph feststellte, “der Treibstoff, mit dem Team Europe läuft”.

Dieser spezielle Sprit, nein Spirit, zündete entscheidend am Samstag Nachmittag, als Donald/Garcia und Poulter/McIlroy zum Abschluss der Fourballs wie Berserker um die existentiell wichtigen Punkte rackerten, und Ian Poulter bei seinen fünf Birdies in Folge auf den Schlusslöchern – “den besten fünf Löchern meiner Karriere” – alles versenkte, was ihm vor den Putter kam. “Das hat irgendwas verändert”, berichtete Kapitän Olazábal später aus der Team-Besprechung. “Ich habe den Jungs eigentlich nur noch gesagt, dass ich überzeugt bin, dass wir das Blatt noch wenden können, dass wir nur etwas effektiver auf den Grüns werden und noch ein paar mehr Putts machen müssen.”

Ian Poulter und Justin Rose: Ihre Siege brachten Europa in die Erfolgsspur.

Also schickte der Spanier am folgenden Tag seine “Big Guns”, seine besten Leute, zuerst raus, “um etwas mehr Blau auf die Anzeigetafel zu bringen”, wie es Luke Donald formulierte. “Wir wollten mal sehen, wie die Amerikaner mit Druck umgehen, nachdem bislang alles in ihrem Sinne gelaufen war”, ergänzte Sergio Garcia.

Was dann passierte, kommt im Englischen viel besser rüber, weil die Schlagworte so herrlich dramatisch klingen: “The 2012 Team USA succeeded in pulling off one of the greatest collapses in America’s sporting history. With a four point lead going into Sunday, it should have been over. It wasn’t,” notierte ein amerikanischer Blogger.

Natürlich sind die US-Stars nicht wirklich kollabiert. Sie waren nur nicht jene paar Zentimeter besser als an den beiden Vortagen, wo sie die Bälle aus allen Lagen einlochten, während die Europäer aus allen Lagen vorbeischoben. Diesmal lief’s genau umgekehrt. Luke Donald, Ian Poulter – natürlich! –, Rory McIlroy und Justin Rose erfüllten, wenngleich knapp, ihre Mission gegen die amerikanischen Publikumslieblinge Bubba Watson, Webb Simpson, Keegan Bradley und Phil Mickelson. Dabei waren die von ihrem Teamchef Davis Love III eigentlich entsandt worden, um den Ryder Cup möglichst schon pünktlich zum Kaffee einzusacken.

Doch schlagartig hatte sich das Momentum gewandelt, jenes unbeständige psychologische Phänomen, das immer gern da zu Gast ist, wo es gerade was zu feiern gibt. Die Europäer, die in Gedenken an den 2011 verstorbenen großen spanischen Golfer Severiano Ballesteros spielten, lagen mit einem Mal gleich auf. Und sie gewannen weiter. Paul Lawrie, der Schotte, der nach 13 Jahren erstmals wieder einen Ryder Cup spielte, schickte den hochgehandelten US-Super-Putter Brandt Snedeker schon am 15. Loch vom Grün. Sergio Garcia und der zuvor so gescholtene Lee Westwood ließen ebenfalls Siege folgen; den Gastgebern blies der Wind plötzlich mächtig ins Gesicht.

Dennoch hing dieser 39. Ryder Cup bis zum Schluss am seidenen Faden. Zum Beispiel, weil Rory McIlroy wegen einer falsch eingestellten Zeitzone beinahe seine Abschlagszeit verpasst hätte und von der Polizei mit Blaulicht zur Anlage chauffiert werden musste, wo er gerade noch ein paar Minuten hatte, um sich die Schuhe anzuziehen. Oder weil Justin Rose seine Probleme mit dem Putter erst in den Griff bekam, als er in der Nacht vor dem Showdown auf dem Teppich im Hotelzimmer übte, um dann im Match gegen Phil Mickelson sensationelle Putts zu verwandeln: auf Loch 16 aus drei Metern (“Der erste wichtige Putt, den ich in dieser Woche reingemacht habe”), auf dem 17. Grün aus mehr als zehn Metern, und schließlich auf der 18 noch mal aus viereinhalb Metern zum endgültigen Match-Gewinn.

Wie hatte doch Tiger Woods unlängst so treffend bemerkt: “Schon ein einziger überraschend gelochter Putt kann das Momentum urplötzlich ändern.” Bei Rose waren’s gleich drei, mit Herz und Entschlossenheit gespielt. Oder wie es der belgische Rookie Nicolas Colsaerts ausdrückte, als schon der Champagner für Europa in Strömen floß: “You go with what’s in your pants!” Das muss man nicht übersetzen; dem ist auch nichts hinzuzufügen.

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