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Der 39. Ryder Cup wird diesmal in den USA inszeniert …

Man nennt es das Auge des Sturms, jene Zone inmitten eines Hurrikans oder Taifuns, in dem trügerische Ruhe herrscht, während draußen die Elemente toben. Auch der Ryder Cup, das allzweijährliche interkontinentale Kräftemessen der besten Golfprofis Europas und der USA, hat so ein Auge des Sturms: den heutigen Donnerstag, das Bergfest der Ryder-Cup-Woche, die am Montag mit der Ankunft der Hauptdarsteller begann und – wie immer – am Sonntag mit einem Finale Furioso zu Ende gehen wird.

Alles wurde abgesungen seither: das hohe Lied vom bedeutendsten Mannschaftsturnier der Golfwelt, die schillernde Historie des Wettbewerbs, Profile und Interviews, die Promis, die natürlich nicht fehlen dürfen, die jeweilige Teambekleidung und auch der letzte kommentierbare Aspekt individueller Spieler-Befindlichkeit. Nicht, dass es mucksmäuschenstill wäre an diesem Donnerstag, nein die Cracks trainieren und machen sich mit dem Platz vertraut, die Medien spekulieren und mutmaßen über mögliche Konstellationen, und nach der pompösen offiziellen Dinner-Gala (1) gestern wird heute Abend auch noch die “Opening Ceremony” inszeniert.

Aber irgendwie ist es seltsam wattiert, ein bisschen wie schallgedämpft. Die Anspannung ist spürbar, hat sich aber noch nicht Bahn gebrochen; die Elektrizität knistert schon, aber noch zucken keine Blitze. Im Auge des Zyklons weht ein vergleichsweise laues Lüftchen, während es drumherum richtig rund geht. Die Ruhe vor dem Sturm halt, der am Freitag Vormittag ausbrechen wird, wenn es endlich zur Sache geht und “Team Europe” den ersten Ball schlägt.

Zuviel Pathos bisher? Geschenkt. Man stelle sich ein Fußball-Weltmeisterschaftsfinale zwischen Deutschland und England oder den Niederlanden vor. Noch Fragen?

Der Ryder Cup: Zierlicher Pokal, riesengroße Bedeutung.

Der Ryder Cup ist das ganz große Golf-Ding, eine enorm prestigeträchtige Angelegenheit mit viel Rivalität hüben wie drüben. Die Teilnahme ist eine Frage der Ehre und die Stimmung oft überbordend. Ja, beim Ryder Cup ist alles anders als sonst im Golfzirkus: Es gibt keine Preisgelder; die hoch dotierten Professionals spielen um den Ruhm, aus millionenschweren Einzelkämpfern werden idealerweise ehrenamtliche Teamplayer. Es geht über drei statt vier Tage; gespielt wird Matchplay, es zählen nur die gewonnenen bzw. verlorenen Löcher, was auch eher selten ist im Golfkalender. Und statt mülltonnengroßer Trophäen mit entsprechendem Charme ist das Symbol des Triumphs ein bloß 43 Zentimeter hoher, sakral anmutender Goldpokal. Von zierlicher Statur, erinnert er entfernt an ein Ciborium, das liturgische Hostiengefäß im Tabernakel.

Tatsächlich ist der Ryder Cup wohl so etwas wie der heilige Gral im Golf. Dies- und jenseits des Atlantiks versammelt der jeweilige Teamkapitän alle zwei Jahre zwölf verdiente Recken und zieht aufs Grün, wie weiland König Artus mit seiner Tafelrunde. Die sportliche Walstatt ist heuer der Medinah Country Club nahe Chicago. Die Amerikaner haben Heimvorteil – und den auch bitter nötig. Denn bei vier von fünf Ryder Cups in diesem Jahrtausend siegte Korpsgeist über Egozentrik, sprich: die Europäer überschütteten sich am Ende mit Champagner, während die US-Primaballerinen als begossene Pudel heimfuhren, wo Schimpf und Schande auf sie warteten.

Der Ryder Cup ist halt Ehrensache. Sportlicher Ehrgeiz wird da schon mal von kontinentaler Rivalität übermannt. Und der Hype drumherum ist eh ungleich größer als bei normalen Turnieren. Allein am Schauplatz säumen bei jeder Auflage der Neuzeit Hunderttausende Zuschauer Abschläge, Fairways und Grüns. Während es dabei in Europa oftmals zugeht, als werde auf dem Rasen ManU gegen Liverpool gegeben, steht in den USA regelmäßig das nationale Wohl zur Disposition. 1991 verstiegen sich die amerikanischen Medien gar zur Kriegserklärung und riefen für Kiawah Island/South Carolina den „War by the Shore“ aus. 1999 kochte in Brookline/Massachusetts der emotionale Topf derart über, dass die aufgeputschten amerikanischen Spieler und Zuschauer nach einem ellenlangen versenkten Putt “ihres” Justin Leonard bereits siegestrunken übers Grün trampelten, obwohl José María Olazábal für Europa noch hätte ausgleichen können. Besagtem Justin Leonard wird übrigens die Aussage zugeschrieben: “Golf is a game of honor”, ein ehrenhaftes Spiel also.

Team USA: Heimvorteil für die amerikanischen Primaballerinen.

Zu den beschriebenen Anlässen war Golf davon meilenweit entfernt. Und es war auch nicht mehr viel übrig von der hehren Idee des Wettbewerbsstifters Samuel Ryder, eines Briten, der Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Handel von Pflanzensamen in Tütchen, den penny packets, sein Geld gescheffelt hatte. Der spät berufene Golfer war überzeugt, „dass dieser Wettbewerb zu einer herzlichen, freundlichen und friedlichen Atmosphäre in der zivilisierten Welt“ beitragen werde, als er 1927 den filigranen Goldpokal spendete. Also schipperte das damals rein britische Team zum ersten Ryder-Cup-Duell gen Neue Welt – und ließ den nagelneuen „Pott“ nach einer ordentlichen Pleite in Worcester/Massachusetts direkt als Gastgeschenk da.

Das sollte sich in der Folge kaum ändern: Der Ryder Cup wird zwar abwechselnd auf beiden Kontinenten ausgetragen – unterbrochen nur vom Zweiten Weltkrieg und 2001 wegen der Terroranschläge vom 11. September um ein Jahr verschoben –, aber während der ersten 50 Jahre gewannen vor allem die Amerikaner. Dem Turnier drohte die Bedeutungslosigkeit des Einseitigen. 1973 durften daher die Iren mit ran, was wenig half. 1979 holte sich das Golf-Mutterland in seiner Not die eher missliebigen Kontinentaleuropäer zur Verstärkung, fortan lief‘s: Seit 1985 hat „Team Europe“ von 13 Wettbewerben nur vier abgegeben und ist auch jetzt Titelverteidiger.

Hinter den Kulissen nahmen die Dinge ebenfalls ihren modernen Gang: Der Ryder Cup avancierte zum big business, von der Ryder Cup Ltd. für Europa und der Professional Golfers Association (PGA) in den USA bestens gemanagt. Den austragenden Golfanlagen geht es um destinationsbildende Werbung – die Gerüchte halten sich hartnäckig, dass dem Zuschlag mittlerweile ein achtstelliges Preisschild anhaftet –; den Sponsoren um die globale Telegenität der Veranstaltung. Denn auch wenn die Mär von der Golfersause als drittgrößtem TV-Ereignis nach Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaft schlicht Unsinn ist: Der Ryder Cup wird in alle Golfwelt, sprich 183 Länder, übertragen und von Millionen am Fernsehschirm verfolgt; die Marke glänzt so gülden hochpoliert wie der Pokal selbst.

Team Europa: Der Korpsgeist gab in jüngster Zeit oft den Ausschlag.

Europas Kapitän bei der anstehenden 39. Auflage ist pikanterweise jener José María Olazábal, dem 1999 ein faires Spielende verwehrt wurde. Der Spanier bietet die nominell stärkste Formation seit langem auf, er hat mit Rory McIlroy, Luke Donald und Lee Westwood die Nummer eins, drei und vier der Welt im Team. Olazábals US-Pendant Davis Love III hält mit Superstars wie Tiger Woods, Bubba Watson oder Phil Mickelson und sogar dem Basketball-Heroen Michael Jordan als „Motivator“ dagegen – sowie einem für die amerikanische Formation und ihre spielerischen Vorzüge maßgerecht präparierten Platz in Medinah.

Vor allem aber wälzt der amerikanische Teamchef, wie schon zahlreiche seiner Vorgänger, die Sisyphos-Aufgabe, aus den vielfach exzentrischen US-Diven ein harmonierendes, uneigennütziges Ensemble zu formen. Was, wie gesagt, gerade in der jüngeren Ryder-Cup-Vergangenheit ab und an gehörig in die Hose ging und nicht wenig zu den Niederlagen der Sternenbanner-Riegen beigetragen hat. Paul Azinger, der die USA 2008 endlich mal wieder zu einem Sieg geführt hatte, bringt das amerikanische Dilemma auf den Punkt: “Wir haben vier Tage um eine Mannschaft zu bilden; die Europäer werden schon als Team geboren.”

Als Zehnter und Letzter der Punkterangliste ist auch Martin Kaymer noch ins europäische Aufgebot gerutscht. Auf eine der beiden Wildcards, die dem Kapitän zustehen, hätte der an Schwung und Form laborierende Deutsche nicht hoffen dürfen. Platz fünf bei seinem letzten Turnier vor dem Showdown in Übersee, den Italian Open, lässt freilich auf eine Renaissance hoffen. Entsprechend zuversichtlich zeigte sich der Kaymer, der im Februar 2011 für kurze Zeit die Nummer eins der Welt war, aber inzwischen auf Platz 32 abgerutscht ist, jetzt während der Trainingsrunden: “Ich schwinge wieder so wie vor eineinhalb, zwei Jahren. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass es gerade rechtzeitig zum Ryder Cup passiert ist. Es war eine große Erleichterung.”

Sein Teamchef braucht auch ein Ensemble in Bestform, um es Bernhard Langer nachzumachen: Der war beim „War on Shore“ 1991 mit einem vergebenen Putt die tragische Figur der europäischen Niederlage, 2004 revanchierte er sich als Teamchef in Michigan mit einer gehörigen Packung für die Amerikaner.

Ebenfalls 13 Jahre nach seinem Ballyhoo von Brookline tritt nun José María Olazábal als Ryder-Cup-Kapitän zum Ehrenhändel in den USA an. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen.

Ergänzung zum Spielmodus:

Der Ryder Cup wird – wie schon erwähnt – als Matchplay ausgetragen, bei dem die gewonnenen bzw. verlorenen Löcher zählen, nicht die Addition der Schläge auf der Runde.

Freitags und samstags treten je acht Akteure aus beiden Lagern in Zweierteams gegeneinander an, gespielt werden die Formate Foursome, bei dem die beiden Spieler eines Duos abwechselnd einen Ball schlagen, sowie Fourball, bei dem jeder Spieler seinen eigenen Ball spielt und am Ende des Lochs das beste Ergebnis für das jeweilige Team gewertet wird. Den taktischen Erwägungen beim Kurs- und Schlagmanagement kommt besonders hier große Bedeutung zu.

Am Sonntag dann beschließen die Singles den Ryder Cup: Alle Spieler beider Mannschaften sind im Einsatz und messen sich in einem direkten Duell eins gegen eins, Mann gegen Mann, mit dem jeweiligen parallel aufgebotenen Gegner.

Die Kapitäne sortieren ihre Formationen für die Foursomes und Fourballs sowie die Reihenfolge der Cracks für die Einzel übrigens als blind draws,
d. h. ohne Kenntnis der gegnerischen Aufstellung.

 
Aktuelles zum 39. Ryder Cup im Facebook von The Honey Badger
 
1 Für die Boulevard-Interessierten finden sich hier Impressionen der Ryder-Cup-Gala.
 
 
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